Visualisieren: Gedanken kreativ gestalten

_"The medium is the message"_

[Herbert Marshall McLuhan (1911 – 1980), kanadischer Philosoph und Kommunikationstheoretiker]

Das Denken visualisieren - beim Visualisieren verstehen, behalten, weiter denken

EIS-Prinzip

Schlagworte: Visualisierung, Diagramm, Ikonisierung
„Jetzt erst verstehe ich, wie das alles zusammenhängt!“ [Ein Schüler, im Mathematikunterricht]

„Das grafische Bilden von Netzen entspricht genau dem, was beim Lernen im Gehirn passiert. (...) Visualisierungen bereichern den Unterricht und erhöhen seine Wirksamkeit.“ [Ludger Brüning, Tobias Saum, Praxis Schule 5-10, Nr. 5/2007]

Visualisierung meint, die wesentlichen Eigenschaften eines Sachverhaltes oder Aussagen eines Textes (symbolische Ebene) bildhaft darzustellen bzw. in eine bildliche Vorstellung zu bringen (ikonische Ebene). Die bekanntesten Methoden zur Visualisierung sind wohl MindMap und ConceptMap. Dabei werden Begriffe oder auch Aussagen und die Beziehungen zwischen ihnen grafisch repräsentiert. Je nach Zweck - geht es um Brain-Storming oder soll ein Thema strukturiert werden? - gibt es aber noch viele weitere und ganz unterschiedliche Methoden, die jeweils Lernen, Üben und Behalten am besten unterstützen. Die Wirksamkeit der unterschiedlichen Visualisierungsmethoden beruht letztlich darauf, dass sowohl bei der Erstellung einer Visualisierung als auch beim Lesen / Präsentieren / Verstehen einer Visualisierung ("Entschlüsselung") immer wieder zwischen der symbolischen und der ikonischen Darstellungsebene hin- und hergesprungen wird ( E-I-S-Prinzip nach Jerome Bruner). Die grafische Repräsentation ist dabei einerseits leichter zu überblicken als ein Text und erlaubt andererseits, unterschiedliche Aspekte an unterschiedlichen Orten festzuhalten - zu ver-orten. So gelingt es leichter, zwischen Detail (Fokussierung) und Totale (Gesamtbild) flexibel hin- und herzuwechseln - ganz ähnlich wie bei der Orientierung auf einer interaktiven, zoombaren Karte.

Daneben stellen natürlich auch Bilder und Fotos Visualisierungen dar: ein Bild sagt mehr als Tausend Worte. Und selbstverständlich ruft ein und derselbe Begriff (wie z.B. Goldmine) bei unterschiedlichen Menschen oder in unterschiedlichen Situationen ganz unterschiedliche Bilder hervor (z.B. sagenhafter Reichtum hier bzw. Ausbeutung und Tod dort).

1. Anwendungsmöglichkeiten

Grundsätzlich kann Visualisieren sowohl als Lehrstrategie als auch als Lernstrategie eingesetzt werden. Die Lehrkraft bringt beispielsweise beim stillen Impuls oder beim Advance Organizer vorgefertigte Bilder und Grafiken in den Unterricht ein (Lehrstrategie). Wenn Schüler eigenständig Bilder und Grafiken anfertigen, um Assoziationen zu sammeln, Informationen zu ordnen oder Inhalte auf das Wesentliche zu reduzieren, erweitern sie ihre Wissen und bilden eine mentale Repräsentation (Lernstrategie).

Visualisierungen - Anwendungsmöglichkeiten

2. Warum Visualisieren? Zur Lernpsychologie

Warum visualisieren?

  • Wer seinen Wissen in eine grafische Struktur, in eine Landkarte des Geistes, bringt, macht sich seinen augenblicklichen Wissensstand transparent. Häufig, z.B. bei der Texterschließung, wird der Schüler während des Zeichnens der grafischen Struktur bzw. der Visualisierung erst sein Wissennetz, d.h. die zugehörige mentale Repräsentation, ausbilden. Vages gewinnt Gestalt, Dinge werden klar und konkret.
  • Selbst-Dialog: Der Geist muss immer wieder das eigene (verbale) Verständnis des Sachverhalts, seine Bedeutung mit der grafischen Struktur abgleichen (Wechsel der Darstellungsebene) - eine intensive aktive und individuelle Auseinandersetzung. Die grafische Visualisierung regt dabei zum Weiter-)Denken an. Sind die Elemente hier so richtig angebunden bzw. verbunden? Fehlen dort nicht noch Inhalte? Die Schüler entwickeln z.T. eine erstaunliche Energie und Sorgfalt.
  • Partner-Dialog: Eine fremde Visualisierung fordert zum Dialog auf, es ergeben sich Sprech-Anlässe. Indem man die gewonnene Struktur im Dialog mit anderen reflektiert und ggf. überarbeitet, durchdringt man selbst den Sachverhalt tiefer.
  • Lernstands-Diagnose: das fertige Schüler-Produkt, die Visualisierung, legt auf einen Blick die Verstehensebene des Schülers offen. Missverständnisse und Lücken werden offenkundig, aber auch das Maß an Struktur, Ausdauer, Geduld und kreative Hingabe.
  • Die Ergebnisse sind oft von ästhetischer Schönheit. Man kann stolz auf sie sein. Schließlich dokumentieren sie auch einen Lern-Fortschritt, ein Erfolgserlebnis. Man nimmt sie gern wieder in die Hand.

3. Verschiedene Diagrammformen

Je nach Zweck und Ziel eignet sich die eine oder die andere Diagrammform besser. Die jeweilige Form gibt dem Denken Richtung und Fokus. Form und Fokus des Denkens

Visualisierungsform besonders geeignet für
MindMap Brain-Storming, Sammeln / grober Überblick, Textverständnis, Prüfungsvorbereitung
WortStern (engl. Word Web) Ordnen und Lernen von Begriffen, Strukturierung eines Themas
ConceptMap Beziehungen zwischen Begriffen, Strukturierung, Prüfungsvorbereitung. Selbsterklärend durch die Beschriftungen an den Verbindungen. Auch für wechselseitige Einflüsse geeignet.
Venn-Diagramm Gegenüberstellung und Vergleich zweier Begriffe, Pro/Contra-Analyse, ein Thema auf sich selbst beziehen
Fischgräten-Diagramm (auch Ursache-Wirkungs-Diagramm) Kausalitätsbeziehungen, Mittel-Zweck-Beziehungen
Baumdiagramm Kategorisieren, Fallunterscheidung, Entscheidungsbaum
Flussdiagramm kommt aus der Informatik und den Ingenieurwissenschaften, wo ein Flussdiagramm zur Analyse eines Vorgangs verwendet wird: welche Ereignisse spielen eine Rolle? welche Aktionen? von welchen Entscheidungen hängt der Ablauf ab?
Zeitleiste Entwicklungsstationen an Zeitskala einordnen, insbesondere im Geschichtsunterricht. Einführen kann man die Zeitleiste sehr schön, indem die Schüler Stationen ihres Lebens an einer Zeitleiste visualisieren.
Filmleiste Die Teilschritte eines fachlichen Vorgangs sind als Bildfolge gegeben. Sie sind in die chronologisch richtige Reihenfolge zu bringen oder sollen (unter Verwendung von Fachbegriffen) beschrieben werden.
Sequenzdiagramm komplexe Abläufe, an denen mehrere Parteien (z.B. Schüler, Eltern, Fachlehrkraft, Klassenlehrkraft und Schulleitung) beteilit sind.
Kreislaufdiagramm Teufelskreis
PMI: Plus-Minus-Interessant Bewertung einer Idee / eines Vorhabens, Entscheidungsfindung, Konfliktlösung, Mediation
Rechter Winkel Praktikumsbericht / ein politisches Thema / ein Roman / eine Kurzgeschichte: das Thema kommt von links "hereingeflogen". Das Diagramm "Rechter Winkel" unterstützt Auswahl eines einzelnen Aspekts, der dann genauer analysiert wird. Unten auf der Seite - dem Bearbeiter zugewandt - wird die Schlussfolgerung entwickelt.
Spinnennetzdiagramm eignet sich zum Vergleich / zur Evaluation nach mehreren, zuvor festgelegten Kriterien
Kreisdiagramm Veranschaulichung von Daten, insbesondere bei Anteilen an einem Ganzen
Balkendiagramm, Säulendiagramm Veranschaulichung von Daten, insbesondere Größenvergleich oder zeitliche Entwicklung
Gantt-Diagramm Ein Gantt-Diagramm (auch: Balkenplan), benannt nach Henry L. Gantt (1861–1919), ist ein Diagramm, in dem verschiedenen Aktivitäten in Form von waagerechten Balken in ihrer zeitliche Abfolge dargestellt werden. Durch die horizontal verlaufende Zeitachse sind bei jeder Aktivität Anfangs- und Endzeitpunkt sowie die Dauer ebenso einfach wie genau ablesbar. Das Gantt-Diagramm wird insbesondere zur Projektplanung eingesetzt.
W-Fragen-Uhr Erschließung eines Textes oder eines neuen Themas anhand von Impulsfragen ( Wer? Wie? Was...? Wann...? Wo...? Warum/Wozu...? )
Wortwolke Welches sind die relevanten Begriffe in diesem Kontext?

4. Sketchnotes

Visuelle Skizzen - visuelle Notizen - helfen, sich Inhalte zu erschließen, zu entwickeln und besser zu erinnern ('Graphic Recording', 'Visual Thinking'): siehe Sketchnotes - Anker im Kopf

5. Praktische Hinweise

Venn-Diagramm: Visualisierung analog vs. digital

Visualisierungen analog

  • DIN A3 - Blätter benützen. Wenn man sie an der kürzeren Seite locht und - wie die Architekten - bei 50 % faltet und bei 75% zurückfaltet, kann man sie wunderbar im Hefter abheften und mal eben schnell auf- und zuklappen.
  • Erst mit Bleistift skizzieren. Dann Buntstifte verwenden. Für fetten Außenrahmen fest aufdrücken, Innenfläche schwach schraffieren.

Visualisierungen digital

PC / Laptop / MAC-Book
Software-Programm Betriebssystem Preis Diagrammarten Bemerkungen
Logo Draw.io alle
(Browser-Anwendung)
kostenlos
  • sehr komfortabel, Drag & Drop, viele Formen
  • Speichern und teilen als XML-Datei
XMind Icon
XMind
Windows / Mac OS X / Linux -
  • sehr intuitiv zu bedienen
Cmap Tools Icon
CmapTools
Windows / Mac OS X / iPad / Linux -  

LibreOffice Impress bzw. Draw
Windows, Linux, macOS, Android - mehr oder weniger alle, völlig frei Dafür deutlich weniger ergonomisch / effizient: kein Einfügen neuer Elemente mittels eines Tastendrucks, kein automatisches neues Layout beim Einfügen, Verschieben oder Umhängen von Elementen, etc.

Microsoft PowerPoint
Windows   mehr oder weniger alle, völlig frei Dafür deutlich weniger ergonomisch / effizient: kein Einfügen neuer Elemente mittels eines Tastendrucks, kein automatisches neues Layout beim Einfügen, Verschieben oder Umhängen von Elementen, etc.

mobil
Software Betriebssystem Preis Diagrammarten
DrawExpress Diagram Icon
Diagram Lite
Android / iOS -
miMind Android / iOS demnächst - MindMap, Funktionsumfang recht ordentlich
SimpleMind Android / iOS - weniger Funktionalität als miMind
Bubbl.us webbasiert (läuft im Browser), kein Download / Installation erforderlich 4.91 $ / Monat MindMap

6. Weiterführende Hinweise

Cover Ludger Brüning, Tobias Saum: Erfolgreich unterrichten durch Visualisieren. Die Kraft von Concept Maps & Co. Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft, Essen, 1. Auflage, 2017 [der Klassiker in einer komplett überarbeiteten Neuauflage, mit zahlreichen Schüler-Beispielen aus 15 Jahren Unterrichtserfahrung, mit Tipps für kooperatives Arbeiten und für Differenzierung, mit Word-Vorlagen insbesondere für Bewertungsraster] Leseprobe] ;
Erfolgreich unterrichten durch Visualisierung, Powerpoint-Überblicksvortrag, von Eva Freis, 2008-2014 (basierend auf einer Vorläuferversion des Buchs von Brünung/Saum)
  Fachartikel zum Thema Visualisieren von Brüning & Saum (ZUM-Wiki Vielfalt lernen)

7. Siehe auch

Topic revision: r15 - 26 Feb 2025, ThomasEmdenWeinert
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