Diagnostizieren und individuelles Fördern
Diagnostizieren und individuelles Fördern durch einen binnendifferenzierten Unterrichtsalltag ist ein wichtiger Ansatz und Baustein
kompetenzorientierten Unterrichts.
Schülerinnen und Schüler brauchen
- um die Motivation zu stützen,
- um ihre Selbstständigkeit zu entwicklen,
- um ihren Lernzuwachs zu sichern
zeitnahe und konkrete Rückmeldungen über ihren Lernstand, über ihre Stärken und Schwächen.
Die Lehrkraft sieht den Lernenden durch die Brille der vier Hattie-Fragen:
Ziel ist es, die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler als ein den Lernprozess begleitendes Prinzip im Unterricht zu verankern. Es geht u.a. darum,
- durch einen binnendifferenzierten Unterrichtsalltag an den Wissens- und Könnensständen der Schülerinnen und Schüler anzuknüpfen,
- durch formative Beurteilungen im Prozess Orientierung und Rückmeldung zum Lernen zu vermitteln sowie
- Feedback als festen und routinebildenden Bestandteil des Lernens zu verstehen.
Laut Hattie (2012) und Black & Wiliam (2001) bezieht sich Formative Evaluation auf jegliche Aktivität die dazu benutzt wird, den Lernstand und Lernfortschritt von Schülerinnen und Schülern während des Lernprozesses zu bestimmen. Im Gegensatz dazu dient die Summative Evaluation dazu, nach der Durchführung des Lernens das Ergebnis zu evaluieren.
Unter formativer Evaluation wird insbesondere die Bewertung und Verbesserung eines Prozesses verstanden, die innerhalb vorab definierter Zeiträume und entlang definierter qualitativer Kriterien erfolgt.
Beispiel für Formative Evaluation: geben Sie Ihren Schülerinnen und Schülern beschreibende, lernrelevante Beurteilungen:
- Was ist das ?
- Wo stehst du gerade?
- Was musst du noch tun, um die Lücke zu füllen?
Verbringen Sie mindestens genauso viel Zeit mit formativer (lernprozess-begleitender) Evaluation wie mit summativer Evaluation (Ergebniskontrolle).
Referenzen und spezifische Literaturhinweise
Lernprozessbegleitendes Feedback
Problem:
- Lob (als Feedback zur Person) ist eine weit verbreitete Form der Rückmeldung, ist aber häufig nutzlos (da es keine lernrelevanten Informationen enthält).
- empathy gap: Lehrer sind überzeugt, ihren Schülern regelmäßig viel hilfreiches Feedback zu geben, Schüler berichten aber von wenig Feedback ihrer Lehrer, “nur wenige Sekunden täglich".
Feedback gehört zu den wichtigsten Einflussfaktoren für den Lernerfolg und sorgt, professionell eingesetzt, für einen entscheidenden Lernzuwachs. Effektives Feedback wirkt laut Hattie und Timperley (2007) auf den drei Ebenen: (1) Aufgabe, (2) Lernprozess und (3) Selbstregulation.
Drei Fragen sind im Zusammenhang mit Feedback wichtig; zu diesen sollten sich Lehrkräfte im Unterrichtsverlauf stets Schülerfeedback einholen:
- Was ist das Ziel? Wohin will ich?
- Welche Fortschritte wurden gemacht? Wie komme ich voran?
- Was ist der nächste Schritt?
Fehler sollten willkommen sein und als Lerngelegenheit genutzt werden.
Wirksames Feedback wird dem Kenntnisstand angepasst:
- Neuling: unmittelbare Rückmeldung zur Aufgabe,
- Fortgeschrittene Anfänger: Rückmeldung zu alternativen Strategien,
- Fortgeschritten: Rückmeldung zur Selbst-Steuerung des Lernens.
In einem Interview betont Hattie, dass das Schülerfeedback, welches sich Lehrkräfte von Schülern einholen, die lernwirksamste Form von Feedback ist. Dieses Feedback erlaubt ihnen den Unterricht mit den Augen der Lernenden zu sehen (vgl. den Buchtitel “Visible Learning – Lernen sichtbar machen”). Beschreibendes Feedback, welches Lehrer den Schülern geben ist ebenso wichtig, insofern es den Lernenden ermöglicht bei der Erreichung des Lernziels besser und weiter voranzukommen.
Referenzen und spezifische Literaturhinweise
- Glossar für Hattie-Begriffe
- Feedback nutzen, um Lernen zu fördern – Hattie & Yates
- (englischsprachiges) Video zur Bedeutung und zum Einsatz von Feedback im Unterricht (John Hattie)
- Hattie, J.A.C. & Yates, G.C.R.: Using feedback to promote learning. In: Benassi, V. A., Overson, C. E., & Hakala, C. M.(Hrsg.): Applying the science of learning in education: Infusing psychological science into the curriculum, American Psychological Association, Washington DC, 2014, S. 45-58. PDF]
- Berger/Granzer/Looss/Waack: Warum fragt ihr nicht einfach uns? Mit Schülerfeedback lernwirksam unterrichten. Beltz-Verlag, 2013. [konkrete Beispiele für das Unterrichten mit Schülerfeedback]
Instant Feedback: Schüler-Umfragen einfach in Echtzeit! Per App und QR-Codes
Ich gebe allen SuS die Gelegenheit, kritisch mitzudenken.
Ich gebe allen SuS die Chance, ihren Lernprozess / ihren Lernstand offen zu reflektieren, ohne sich befangen/verlegen/gehemmt fühlen zu müssen.
Die Kids lieben es. Ich betrachtete es zunächst nur für ein Daten-Sammel-Werkzeug, aber für meine Schüler ist es ein Spiel.
Wie funktioniert's? Artikel
Instant Feedback im Unterricht von Dr. Thomas Rudel (MINT Zirkel, Juni 2017).
Tools (als prozessbegleitende Werkzeuge)
Online-Fragebögen nutzen bzw. erstellen, unterschiedliche Fragetypen
- SEfU steht für "Schüler als Experten für Unterricht". SEfU ist ein Instrument zur Selbstevaluation des eigenen Unterrichts, das speziell für die Unterstützung der individuellen Unterrichtsentwicklung für Lehrerinnen und Lehrer konzipiert wurde. Es bietet der bzw. dem Lehrenden die Möglichkeit, sich ein Bild über den eigenen Unterricht zu schaffen, und zwar aus Sicht derer, für die der Unterricht gestaltet wird: die Schülerinnen und Schüler. Der SEfU-Fragebogen wird von der Friedrich-Schiller-Universität Jena betreut, wissenschaftlich begleitet und fortlaufend weiterentwickelt.
- GrafStat
Referenzen und spezifische Literaturhinweise
- Glossar für Hattie-Begriffe
- Feedback nutzen, um Lernen zu fördern – Hattie & Yates
- (englischsprachiges) Video zur Bedeutung und zum Einsatz von Feedback im Unterricht (John Hattie)
- Hattie, J.A.C. & Yates, G.C.R.: Using feedback to promote learning. In: Benassi, V. A., Overson, C. E., & Hakala, C. M.(Hrsg.): Applying the science of learning in education: Infusing psychological science into the curriculum, American Psychological Association, Washington DC, 2014, S. 45-58. [PDF]
- Benedikt Wisniewski, Klaus Zierer: Visible Feedback - Ein Leitfaden für erfolgreiches Unterrichtsfeedback. Schneider Hohengehren, 2. Auflage, 2018 [kartoniert, 173 S., Inhaltsverzeichnis] App hierzu: FeedbackSchule; Artikel hierzu:
- Benedikt Wisniewski, Klaus Zierer: Schülerfeedback ist nicht gleich Schülerfeedback. Pädagogik 11/2017, S. 38-42
- Benedikt Wisniewski, Klaus Zierer: Visible Feedback. Profil 10/2016, Deutscher Philologenverband
- Feedback. Friedrich Jahresheft 2019
- Nicole Auferkorte-Michaelis u.a.: Feedback-Methodenbar. Zentrum für Hochschul- und Qualitätsentwicklung, Universität Duisburg-Essen
- Johannes Bastian, Arno Combe, Roman Langer: Feedback-Methoden: Erprobte Konzepte, evaluierte Erfahrungen. Beltz Verlag, Weinheim / Basel, 4., erweiterte und überarbeitete Auflage, 2016 [ Rezension von Prof. Dr. Wolfgang Beywl, Fachhochschule Nordwestschweiz (socialnet.de) ] (siehe auch: J. Bastian: Lernprozessorientiertes Feedback, Pädagogik 7-8/2015)
- Berger/Granzer/Looss/Waack: Warum fragt ihr nicht einfach uns? Mit Schülerfeedback lernwirksam unterrichten. Beltz-Verlag, 2013. [konkrete Beispiele für das Unterrichten mit Schülerfeedback]
- Modellprojekt Schüler-Feedback, Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, München. Klärt im Detail:
- was ist Schüler-Feedback?
- welche Bedeutung / welchen Nutzen hat Feedback für die Unterrichts- und Schulentwicklung?
- praktische Anleitungen zur Durchführung eines Schüler-Feedbacks
- praktische Anleitungen zur Auswertung und Besprechung der Ergebnisse mit der Klasse.
- David Hischier: Feedback – der Faktor unter der Lupe. lernensichtbarmachen.net
- Ulrich Steffens, Dieter Höfer: Feedback als Instrument des Lernens, S. 90-105 in: Ulrich Steffens, Dieter Höfer: Lernen nach Hattie. Wie gelingt guter Unterricht? Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2016 [Beltz Verlag] [Rezension]
- Ulrich Steffens, Dieter Höfer: Feedback als Instrument des Lernens im Lichte der Hattie-Studie. In: C. G. Buhren (Hrsg.): Handbuch Feedback in der Schule. Beltz, Weinheim, 2015, S. 459-476
- Angela Sommer: Wertschätzendes Feedback in Schulen. In: LernChancen, Nr. 86, 2012, Friedrich Verlag, S. 28-32
- Feedbackkoffer Unter- und Mittelstufe. In: Peter Strahm, Respekt und Entschiedenheit, hep-Verlag AG, Bern 2014
- https://lehrkraefteakademie.hessen.de/schule-unterricht/instrumente-zur-qualitaetsentwicklung/feedback-instrumente
- https://lehrkraefteakademie.hessen.de/schule-unterricht/instrumente-zur-qualitaetsentwicklung/frageboegen-und-auswertungshilfen
- http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/bayern-referendare-sollen-sich-feedback-von-schuelern-holen-a-1099140.html
- http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/bayern-schueler-bewerten-referendare-und-diese-finden-feedback-gut-a-1219385-druck.html
Elemente zur individuellen Förderung
Die folgende Tabelle zeigt exemplarisch einige Elemente zur individuellen Förderung orientiert an den fünf Handlungsfeldern des
Prozessmodells.
| Handlungsfeld |
Elemente zur individuellen Förderung |
Ziele mit Blick auf alle Schülerinnen und Schüler |
| Lernen vorbereiten und initiieren |
Advance Organizer, Ketteninterview |
Wissens- und Könnensstände sichtbar machen, um im weiteren Lernprozess hieran anzuknüpfen. |
| Lernwege eröffnen und gestalten |
Aufgaben mit gestuften Hilfen, Lernumgebung, kooperative Lernformen |
Einen individuellen – möglichst vielschichtigen – handlungsorientierten Zugang zum Lerngegenstand ermöglichen. Unterstützung und Hilfen beim Lernen geben. |
| Orientierung geben und erhalten |
Checklisten, Selbsteinschätzungsbögen, Kompetenzraster, Partneraufgaben, Lerngespräch |
Durch formative Beurteilungen Orientierung und Feedback / Rückmeldung im Lernprozess geben, insbesondere Ermutigung und Stärkung. |
| Kompetenzen stärken und erweitern |
Differenziertes Aufgabenund Materialangebot, kooperative Lernformen |
Mit differenzierten, aber auch anspruchsvollen Lernangeboten auf unterschiedlichem Niveau an den Wissens- und Könnensständen der Schülerinnen und Schüler anknüpfend Gelegenheit zum Üben, Vertiefen, Anwenden und zum Transfer bieten |
| Lernen bilanzieren und reflektieren |
Lernbericht, formative Rückmeldung nach einer Lernkontrolle, Analyse der eigenen Lernkontrolle, Lerngespräch |
Durch das Gespräch über den Lernprozess und die Lernergebnisse Konsequenzen für das individuelle Weiterlernen ableiten. |
Weiterführende Hinweise / Literatur
Siehe auch