Medienerziehung / Medienpädagogik für Eltern und Klassenlehrer oder: Kinder und Smartphones, Internet & Co
Smartphones und Computer sind in der heutigen Welt allgegenwärtig. Aber
Smartphone und Kinder? Mit dem ersten Smartphone betreten Kinder das Reich der Erwachsenen. Während Kinder, was ihre physische Reichweite angeht, zunächst in der elterlichen Wohnung aufwachsen und sich dann nach und nach - über Jahre hinweg - den Garten, die eigene Straße, den Weg zur Schule, zu Freunden, zum Spielplatz und schließlich fremde Städte erobern, Erfahrungen sammeln und dabei von ihren Eltern begleitet werden, kann das erste eigene Smartphone - ohne Schwelle, ohne Begleitung - unbemerkt die Wirkung einer Bombe haben: von Abzocke durch Abofallen, Sex und Gewalt bis hin zu Vereinsamung und Sucht.
Ja, durch Spielen auf dem Smartphone lernen Kinder intuitiv und verbessern so ihre Fähigkeiten. Auch können Kinder im Internet im Rahmen der Hausaufgaben Fakten nachschlagen oder mit dem Smartphone Vokabeln oder Mathematik trainieren. Das ist gut so.
"Eine Bereicherung, wenn es sinnvoll eingesetzt wird."
ABER: Kinder benötigen auch einen dem Alter angemessenen Schutz und eine kompetente Begleitung. Weil sie vor dem Bildschirm jedes Zeitgefühl verlieren, weil sie womöglich am Ende nur noch spielen, anstatt sich mit den Freunden zu treffen. Weil sie womöglich die Schule vernachlässigen.
Feststellungen, Beobachtungen, Standpunkte
"Das Digitale verdrängt das Soziale – und schwächt die Persönlichkeit der Jugendlichen. Einbahnstraßen-Kommunikation." Gerald Lembke]
"Ich-Botschaften stehen im Vordergrund - anstelle von Inhalt und Dialog. Es (...) öffnet Tür und Tor für Missverständnisse und Missbrauch aller Art." Gerald Lembke]
"Diese Generation reflektiert die Schutzbedürftigkeit der Privatsphäre nicht mehr, weil sie mit der Droge der permanten Vernetzung überrannt wird." [Christoph Erdmann, Verschlüsselungs-Experte]
"Unbedarftheit von Jugendlichen"
"Suche nach Aufmerksamkeit"
"Suche nach Zerstreuung, nach leichten Erfolgen"
"Gewohnheiten sind nur am Anfang wie Spinnweben, später wie Drahtseile."
"Smartphone und Spielekonsole verdrängen aktive Hobbys wie Fußball oder Schwimmen."
"Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich freiwillig Schlaf entzieht."
"Es wäre hilfreich, wenn die Eltern ungefähr wüssten, was ihre Kinder da machen."
"Rund die Hälfte der Eltern in Deutschland stellt ihren Kindern laut einer Studie keine Regeln zur Internet-Nutzung auf."
Es wird dasselbe Belohnungszentrum bespielt, das Menschen auch süchtig nach Nikotin und Videospielen machen kann. Der Dopamin-Haushalt, der bei diesen Vergnügungen angesteuert wird, verschafft ein rasches Wohlgefühl, das leider auch rasch wieder verschwindet und nach Wiederholung verlangt. Dafür muss man ein neues Level schaffen, noch eine Zigarette rauchen, nur noch kurz die Mails checken.
Auf geht's!
Also, auf zu mehr Begleitung von Kindern und Jugendlichen auf schwierigem Terrain! Übernehmen wir Verantwortung als Eltern, als Klassenlehrer. Weil präventiv besser ist. Die Überraschung (?) vorweg: in erster Linie heißt kompetente Begleitung bei der Mediennutzung eigene Aufmerksamkeit, gemeinsame Zeit zum Reden, zwischenmenschliche Wärme und... (eigene) Disziplin. Sich mit anderen Eltern in der Klasse und mit der Klassenlehrkraft abzustimmen hilft ungemein.
Nun konkret, welche Tipps und Unterstützung gibt es für Erziehende, die ihre Kinder im Umgang mit Medien stärken möchten?
Hier einige Schlaglichter:
"Klare Regeln sind die Grundlage jeder Erziehung." [Bei der Umsetzung helfen Rituale und
technische Hilfsmittel (siehe unten)]
Verhandeln:
"Du möchtest dieses, wir möchten jenes."
Lernen auf beiden Seiten.
Psychologisch macht es einen großen Unterschied, ob man dem Kind ein Smartphone kauft und schenkt oder ob man dem Kind eins (leihweise) zur Verfügung stellt .
Gestuftes Konzept: für den Anfang genügt ein Tastentelefon. Später kann man den Internetzugang und jede App einzeln nach und nach freischalten und die Nutzungsdauer reglementieren.
Das App-Store Passwort gehört nicht in Kinderhand.
"Wenn du die Absicht hast, dich zu erneuern, tu es jeden Tag." [Konfuzius]
"Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern." [Ernst Bloch]
" kollektive Kontrolle"
"Vorbild sein"
Tipps für den Alltag: pädagogische Ratgeber
- Handreichung zum Jugendmedienschutz in hessischen Schulen, HKM, 2017/8
- Medien-Sicher.de sorgt für Durchblick im digitalen Leben, insbesondere mit dem "Handbuch Medienerziehung & Jugendmedienschutz", das Material für Fortbildungen und Elternabende bietet. Günter Steppich, Referent für Jugendmedienschutz am Hessischen Kultusministerium
- Jesper Juul: Smartphones haben auf der Familieninsel nichts zu suchen! Fritz und Fränzi - das Schweizer Elternmagazin, 10. Juli 2016. [Erziehungsguru Jesper Juul hat lange geschwiegen zum Umgang mit Smartphones und Tablets in Familien. Jetzt aber äussert er sich sehr eindeutig zu diesem Thema. Und gibt zudem konkrete Tipps, wie man Mediennutzung so gestalten kann, dass «die Herzen nicht verhungern».]
- Digitale Helden Onlineseminar: Smartphone, mein Kind und ich [Teil 1 vom 31.08.2016] - von Florian Borns und Lena Pauwels
- Digitale Helden Onlineseminar: Smartphone, mein Kind und ich [Teil 2 vom 23.11.2016] - von Gregory Grund und Lena Pauwels
- klicksafe - eine Sensibilisierungskampagne zur Förderung der Medienkompetenz von Kindern im Umgang mit dem Internet und neuen Medien im Auftrag der Europäischen Kommission. klicksafe unterstützt Eltern dabei, ihr Kind Schritt für Schritt an Internet, PC-Spiele, Smartphone und Apps heranzuführen
- Jugendportal SurfSafe (SurfS@fe), eine Initiative der SpardaBank
- SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht - ein Elternratgeber zur Mediennutzung. Eine Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die beiden öffentlich-rechtlichen Sender Das Erste und ZDF. [Kostenfallen, Werbung, Datenlecks, Kontaktgefahren, Cybermobbing, exzessive Mediennutzung oder beeinträchtigende Inhalte wie Gewalt und Pornografie]
- Medienkompetenz – Sicherer Umgang mit neuen Medien für Kinder (Studienkreis - Nachhilfe)
- PEGI - Pan European Game Information. PEGI gibt Altersempfehlungen für Unterhaltungsmedien wie Filme, Videos, DVDs und Computerspiele. Entwickelt wurde PEGI von einer multinationalen Arbeitsgruppe, die aus Vertretern von europäischen Regierungen, Verbänden und der Spieleindustrie bestand, um erstmals einen europaweit einheitlichen Standard zu schaffen. Die Empfehlung basiert nicht auf dem Schwierigkeitsgrad des Spiels, sondern ab welchem Alter die Inhalte für ein Kind geeignet sind. Man kann nach einem Spiel recherchieren und erhält konkrete Hinweise, aus welchem Grund ein Spiel erst für die angegebene Altersgruppe empfohlen wird. In vielen Ländern Europas ist die verbindliche Alterskennzeichnung durch PEGI vorgeschrieben, in Deutschland jedoch nicht: in Deutschland gilt stattdessen die Kennzeichnungspflicht gemäß USK.
- https://www.handysektor.de/
- Medienpädagogik-Blog (Fachstelle Medien, Diözese Rottenburg-Stuttgart)
- Mediennutzungsvertrag - zwischen Eltern und Kind
- social media lernen - akkreditierter Fortbildungsanbieter für Hessen, Nordrhein-Westfalen. „Schutz & Förderung der Jugend in Sozialen Netzwerken“ ist ein Bildungsprojekt des Familienvaters und Unternehmers Thorsten Wollenhöfer
- Robert Campe: What's App, Mama? Warum wir Teenies den ganzen Tag online sind - und warum das okay ist! , Eden Books, März 2017 [Taschenbuch, 224 Seiten] Ein 16-Jähriger beschreibt das Lebensgefühl der Smartphone-Teenager. [Sprach- oder Textnachrichten anstatt zu telefonieren, Gefühle werden mit Emojis ausgedrückt]
- Böse Bildschirme? Süddeutsche Zeitung, 5. April 2017
- Handys in der Schule: "Eltern versagen komplett, und wir Lehrer sollen es richten". Immer wieder gibt es Forderungen nach einem Verbot. Was halten Schüler und Lehrer davon? 16 Statements. Süddeutsche Zeitung, 5. März 2017
- Wie man seine Gewohnheiten ändert. Weniger Süßes, mehr Sport und nicht ständig aufs Handy schauen: Viele nehmen sich kleine Verbesserungen vor, doch kaum jemand hält durch. Drei Schritte, wie man Veränderung dauerhaft umsetzt. Von Evelyn Roll. Süddeutsche Zeitung, 3. März 2017
Technische Hilfsmittel
- Drittanbietersperre – Gegen Abzocke bei Smartphone Apps! drittanbietersperre.com] verbraucherzentrale.de] chip.de]
- Kindersicherung für den Windows PC (von Salfeld). Bietet eine sichere Surfumgebung für alle gängigen Browser, Zeitlimits für das Gerät, Zeitlimits für Programme und Webseiten
- Chico Browser für Android Smartphones und Tablets (von Salfeld). Bietet eine sichere Surf-Umgebung, Zeitkontrolle für das Gerät, sogar für einzelne Apps und Webseiten
- Screen Time Elternaufsicht: Kindersicherungs-App für Android und iOS. [Zeitlimit für die tägliche Nutzung, Blockieren bestimmter Apps, (Ent-) Sperrung des Handys zu Schlafens- und Schulzeiten (auch spontan), täglicher Bericht per E-Mail]
- Blinde Kuh - eine Suchmaschine für Kinder - für gute Internet-Seiten. Ein ehrenamtliches Internet-Projekt von Birgit Bachmann, mittlerweile ein gemeinnütziger Verein. Seit August 2004 fördert das Bundesfamilienministerium die Blinde Kuh auch mit Personalmitteln
Literatur, Studien, Faktenlage
- Gewaltverherrlichende Darstellungen und Pornographie auf dem Smartphone - Rechtslage
- JIM 2015 - Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg), Stuttgart, 2015
- Blikk-Studie 2017. Was machen Smartphones mit Kindern? Schlafstörungen, unkonzentriert, hyperaktiv, sprachverzögert, fettleibig: die übermäßige Nutzung digitaler Medien schadet Kindern. Die von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), vorgestellte Studie fordert von den Eltern mehr Fürsorge. 29.05.2017 tagesschau.de] ZEIT]
Siehe auch
Digitale Kommunikation zwischen Schule und Eltern